Als im Jahre 1980 in Deutschland die Sommerzeit eingeführt wurde und alle Uhren eine Stunde
vorgedreht werden mußten, begann mein Zeitgefühl zum ersten Mal
deutliche Risse zu zeigen. Die alte Faustregel "Mittag ist dann,
wenn die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hat." galt
nicht mehr.
Was ist eigentlich Zeit?
Es ist eine Maßheit für die
Bewegung im Raum, sagen die Physiker. Die Maßeinheit „Tag“
bezeichnet zunächst nichts anderes als eine Drehung der Erde um
sich selbst. Das „Jahr“ steht für eine Umkreisung der Sonne.
Aber diese Bewegung – die Zeit – kann ganz unterschiedlich erlebt
werden.
„.. Man sollten meinen, jeder habe
gleich viel Zeit. Aber offenbar laufen die Uhren für die
Menschen verschieden. Während die Stunden für den einen
ruhig, ja verheißungsvoll hingehen, indem er sich davon tragen
läßt wie ein Schiff, stehen sie dem anderen dauernd wie
das Wasser am Hals und er hat Mühe, nicht
darin umzukommen. Sie zerren ihn, wohin er gar nicht will, und wo er
hin möchte, dorthin kommt er nicht, weil es gegen den Strom wäre,
und der reißt ihn mit.“ (Emil Wachter)
Für die Weisen bedeutet
Lebenskunst, die eigenen Bewegungen den Bewegungen im Raum (Zeit)
anzupassen. Einmalig schön formuliert im Alten Testament vom
Prediger Salomo:
"Geborenwerden hat seine Zeit, und
Sterben hat seine Zeit; Pflanzen hat seine Zeit, und das Gepflanzte
Ausreißen hat seine Zeit; Töten hat seine Zeit, und Heilen
hat seine Zeit; Abbrechen hat seine Zeit, und Bauen hat seine Zeit;
Weinen hat seine Zeit, und Lachen hat seine Zeit; Klagen hat seine
Zeit und Tanzen hat seine Zeit;Steinewerfen hat seine Zeit, und Steinesammeln hat
seine Zeit; Umarmen hat seine Zeit, und vom Umarmen sich Fernhalten
hat seine Zeit; Suchen hat seine Zeit, und Verlieren hat seine
Zeit; Aufbewahren hat seine Zeit, und Fortwerfen hat seine Zeit; Zerreißen hat seine Zeit, und Nähen hat
seine Zeit; Schweigen hat seine Zeit, und Reden hat seine Zeit; Lieben hat seine Zeit, und Hassen hat seine Zeit;
Krieg hat seine Zeit, und Frieden hat seine Zeit. Was für einen Gewinn hat der Schaffende bei
dem, womit er sich abmüht? Ich habe erkannt, daß es nichts
Besseres gibt als sich zu freuen und sich in seinem Leben gütlich zu
tun...“
Einfach mit dem Strom der Zeit fließen,
denn „alles fließt.“ (Heraklit) Kein Festhalten, kein
Widerstreben, statt dessen im „flow“ sein wie es so galant in der
spirituellen Szene formuliert wird, darum scheint es zu gehen.
Nirgends gelingt es leichter sich zu „entschleunigen“ als beim
Schauen auf einen breiten Strom. Einfach eine halbe Stunde auf das
fließende Wasser schauen und schon hat sich unser Zeitempfinden
wieder dem Fluß der Dinge angepasst. Ruhe kehrt ein, das
Hektische aus unseren Bewegungen und Gedanken verschwindet. Probieren
Sie es einmal, wenn Ihnen einmal wieder so viel unerledigte Dinge wie eine Wasserflut bis zum Halse
stehen.